Wie berechne ich meinen Tagessatz als Fotograf richtig?

Diese Frage taucht immer wieder auf, wenn ich mit Menschen spreche, die Ihr Hobby, ihren Traum gerne zum Beruf machen möchten. Darum möchte ich hier einmal meine eigenen Sätze offenlegen und auch Anregungen und Tools bieten, Deinen eigenen Tagessatz zu kalkulieren

Aber erstmal zur allgemeinen Lage.

Die Preise auf dem Markt sind unglaublich unterschiedlich und es ist kaum möglich einen Überblick zu bekommen, da ganz viele fotografen nicht damit rausrücken wollen wie ihre Tagessätze aussehen. Auf den Websiten findet man selten Preise und wenn man nachfragt, bekommt man nur schwammige Antworten.

Wenn Du als Fotograf von Deiner Arbeit leben möchtest, dann ist gerade diese Frage aber essenziell!

Viele – vorallem neue – Fotografen tun sich echt schwer mit dieser Kalkulation und orientieren sich an den, für sie sichtbaren, Durchschnittspreisen. Dabei merkt man (vermeintlich) schnell, dass man von der Arbeit als Fotograf kaum noch leben kann. Aber stimmt das denn?

Sicher, die Tagessätze aus den 90ern oder 00ern, in denen das ein sehr lukratives Geschäft war, sind heute utopisch. Aber heisst das auch, dass man das Leben als Fotograf nicht mehr bestreiten kann? Ich glaube nicht! Auch heute ist das noch möglich.

Ich glaube sogar, dass die Geheimniskrämerei vieler Fotografen dazu führt, dass Diskontpreise begünstigt werden. Damit graben sie sich eigentlich selbst das Wasser ab. Warum? Wenn man sich selbstständig machen möchte und seine Preise kalkulieren muss, liegt es nahe, dass man sich im näheren Umfeld schlau macht. Einen erfolgreichen Profi kann man ja aus genannten Gründen selten fragen. Die anderen Hobbyfotografen und jene die sich erst kürzlich selbstständig gemacht haben leiden unter dem selben Problem und so ergeben sich Preise, die weit unter dem Wert der Arbeit liegen und dazu führen, dass man kaum davon leben kann. Profis müssen  dann mit Dumpingpreisen konkurieren. Und da schliesst sich der Kreis. Der Marktwert der Fotografie sinkt immer weiter.

Preiskalkulation, Businessplan, Produktgestaltung, Zielgruppenanalyse und Marketingstrategie sind für kreative Menschen, wie Fotografen, eine eher trockene Angelegenheit. Aber dringend notwendig! Will ich davon leben, dann muss ich mir auch über die Organisation und Kostenseite meines Unternehmens klar sein.

Eine Beispielkalkulation für Fotografen

Eigentlich ist die Kalkulation relativ einfach. Es braucht dazu keinen Unternehmensberater, für den das Geld in den meisten Fällen ohnehin nicht vorhanden ist.

Grundsätzlich muss man nur eines tun. Alles aufschreiben, was man aufwenden muss, damit man von seiner Arbeit leben kann. Und damit meine ich – ALLES!

Alles was Du privat zum Leben brauchst und alles was die Firma zum überleben braucht, das musst Du in Zukunft über Deine Kunden erwirtschaften. Ansonsten ist es keine Firma, sondern ein Hobby, das sich vielleicht selbst finanziert aber mehr eben nicht.

Und da kommt für viele das Aha! Erlebnis und sie merken, dass man mit kleinen Preisen nicht überleben kann.

Nun aber zur Praxis der Preiskalkulation

Der Einfachkeit rechne ich mit Euro, aber zur Zeit sind EUR und CHF sowieso fast 1:1

Ein Beispiel vorweg. Deine Kamera hat 2’000 Euro gekostet. Die technische Entwicklung erfordert es, alle 4 Jahre eine neue Kamera zu kaufen. Somit muss ich 500 Euro pro Jahr zurücklegen, damit ich regelmässig meine Kamera erneuern kann. Und das ist nur ein Teil des Equipments. Irgendwann braucht man einen neuen Blitzkopf, neue Reflektoren, ein neues Objektiv. Und auch in der Infrastruktur braucht es wiedermal einen neuen Mac / PC, etc.

Je mehr Dir hier einfällt, umso weniger Überraschungen hast Du am Ende.

Dann rechnest Du mal aus: Wieviele Arbeitstage habe ich denn zur Verfügung? Das Jahr hat 365 Tage. Ich kann aber aus eigener Erfahrung davon abraten, auch so viele Arbeitstage einzuplanen. Grundsätzlich sollte man ja mit einem „normalen“ Arbeitspensum durchs Jahr kommen. Du arbeitest in Deinem anderen Job ja auch nicht das ganze Jahr und bekommst einen Gehalt, mit dem Du leben kannst.

Folgende Überlegungen:

Das Jahr hat 365 Tage wovon wir folgendes abziehen müssen:
Den Landesdurchschnitt der Krankheitstage (in der Schweiz sind das 10 – 13), den gesetzlichen Mindesturlaub für Arbeitnehmer (CH = 20). Als Arbeitnehmer hast Du den ja auch. Und wie Du mit dem umgehst, kannst Du selbst entscheiden, kalkulieren solltest Du ihn aber mal. Schliesslich möchtest Du auch irgendwann wieder in den Urlaub, auch wenn das in den ersten Jahren Deiner Selbstständigkeit eher weniger der Fall sein wird. Dann hat das Jahr noch Feiertage. In der Schweiz sind das je nach Kanton +/- 8. Auch zu berücksichtigen sind Wochenenden. Der Fotograf arbeitet meist an den Wochenenden, das heisst aber nicht, dass eine Erholungsphase nicht nötig ist. Die müsste man dann eben an anderen Tagen einplanen. 52 Wochen hat das Jahr, das sind 104 Wochenendtage.

Somit kalkulieren wir:

365 Tage / Jahr
– 10 Krankheitstage
– 20 Urlaubstage
– 8 Feiertage
– 104 Wochenendtage
das ergibt in Summe 223 Arbeitstage.

Wenn Du 25’000 Euro im Jahr verdienen möchtest, dann musst Du für diesen Gewinn auch Steuern und Sozialversicherung bezahlen. In der Schweiz können wir überschlagsmässig etwa 20% für beides rechnen, in Österreich 30%. Bitte nagel mich da nicht fest, genaue Zahlen kann Dir ein Steuerberater / Treuhänder liefern.

Das heisst. für 25’000 Euro Nettolohn muss ein Umsatz von 32’500 (bei 30% siehe oben) generiert werden. Wenn wir annehmen, dass die Firma noch 25’000 pro Jahr kosten verursacht – und glaub mir, das ist vorischtig kalkuliert – dann musst Du schon 57’500 Umsatz machen, damit Du 25’000 Euro Nettolohn hast, was ca. 12 x 2100 Euro entspricht! Bist Du MwSt.-pflichtig, dann kommen in der Schweiz noch 8% oder in AT 20% oben drauf. Das sind in AT dann schon 69’000 Euro Umsatz, damit Du noch Deine 25’000 / Jahr Gehalt bekommst.

Das ist natürlich nur eine ganz grobe Überschlagsrechnung.

80% aller selbstständigen Fotografen scheitern in den ersten 5 Jahren!
Und wie in vielen anderen Branchen scheitern die meisten nicht an den fachlichen Fähigkeiten sondern an den wirtschaftlichen.

Ging es nicht um den Tagessatz des Fotografen?

Genau! Wir haben jetzt mal den Umsatz abgesteckt den Du brauchst. Was bedeutet das für den Tagessatz?

Wir hatten 223 Arbeitstage berechnet. Jeder Arbeitstag hat 8 Stunden. Natürlich arbeitet ein Selbstständiger in den ersten Jahren mehr, aber das in die Kalkulation einzubeziehen führt unweigerlich zur Selbstausbeutung.

Bei 79’000 Ziel-Umsatz sind das ca. 355 Euro / Tag, oder 45 Euro pro Stunde.

Nicht viel? Genau hier kommt der grösste Denkfehler ins Spiel!

Das ist nicht der Stundensatz, den Du Deinen Kunden verrechnen kannst, sondern der Stundensatz, den jede einzelne Stunde, die Du in Dein Unternehmen investierst kostet. Das heisst, auch Zeit in der Du Dich um Dein Marketing kümmerst, das auch nochmal Geld kostet. Selbst die Zeit, die Du diesen Artikel liest, gehört eigentlich schon dazu! Zeit, die Du in Ausbildung investierst, Kundentermine hast, Gespräche führst, deine Social Media Kanäle pflegst, deine Buchhaltung erledigst, etc.

Realistischerweise geht man davon aus, dass Fotografieren an Sich nur etwa 15% der Arbeit des Fotografen ausmacht.

Jetzt bist Du nicht mehr „nur“ Fotograf, sondern Unternehmer!

Wieviel Zeit benötige ich für einen Auftrag? Wenn Du 1 Tag vor Ort beim Kunden fotografierst, dann hast Du auch etwa 2 Tage weitere Arbeit. Am Auftrag, aber auch an Deinem Unternehmen. Das beginnt im Grunde mit der Kundenakquise, dem Kundengespräch, Angebot kalkulieren, Bilder entwickeln, Rechnung schreiben, nachfassen, Downloads bereit stellen, Korrespondenz, Buchhaltung etc.

So musst Du also für 1 Tag, den Du beim Kunden fotografierst etwa 3 Tage Deiner Zeit kalkulieren, damit Dein Unternehmen über das Jahr gesehen den Zielumsatz von 79’000 Euro erwirtschaften kann.

Das bedeutet: Der Tagessatz für Dich als Fotografen beträgt ca. 1065 Euro! Oder anders gesagt, Dein Stundensatz als Fotograf beträgt etwa 133 Euro.

Wenn Du jetzt denkst, das ist viel, dann nur, weil Du bisher von viel niedrigeren Preisen ausgegangen bist und bisher vielleicht das ganze als Hobby kalkuliert hast.

Von einem Beruf zu leben, bedeutet viel mehr als nur ein paar Euro nebenbei zu verdienen, wenn durch Deine Haupttätigkeit bereits alle Kosten gedeckt sind. Jetzt musst Du all Deine Kosten über Deine Arbeit als Fotograf tragen.

Und glaube mir – denn ich weiss es – auf Dauer kannst Du nicht 7 Tage die Woche arbeiten mit 16 Stunden Tagen! Genau das passiert aber, wenn Du zu günstig kalkulierst.

Gerade als Fotograf lebt man von der Leidenschaft zu dem was man tut und der eigenen Kreativität!

Kreativität entsteht aber nicht mit dem Druck im Nacken, dass man morgen nicht weiss, wie man seine Pizza bezahlt. Kreativität braucht Freiraum um zu entstehen.

Grosser Fehler!

Als Hobbyfotograf kann ich auch mit 40 Euro die Stunde leben und wenn ich mich dann selbstständig mache…

Aber wenn ich günstig bin, bekomme ich leichter Kunden.

Nein! Du akquirierst nämlich Kunden, die nicht bereit sind mehr als 40 Euro die Stunde zu bezahlen! Wenn Du dann teurer wirst, weil Du Dich selbstständig machst, dann verändert sich Deine Leistung als Fotograf deswegen nicht und der Kunde wird nicht einsehen, warum er nun für das Gleiche den dreifachen Preis zahlen muss. Somit stehst Du wieder am Anfang, oder arbeitest zu Preisen von denen Du nicht leben kannst weiter. Beides ist keine Option!

Professioneller Fotograf zu sein ist mehr als tolle Bilder machen. Es bedeutet, als Unternehmer zu denken!

Habe also Mut, Deine Leistung nicht unter Wert zu verkaufen! Das bringt weder Dir noch den anderen was! Und Dumpingpreise machen den Markt nur kaputt. Damit gräbst Du Deiner eigenen Zukunft das Wasser ab, wenn Du als Fotograf selbstständig sein möchtest.

Für alle, die es bis hierhin geschafft haben, gibt es eine kleine Belohnung.

Betriebskalkulation zum Download.

Meine Musterkalkulation für Excel / Numbers, die Du nutzen kannst um Dir etwas Klarheit zu schaffen, über Deinen notwendigen Tagessatz.

Klartext: Zu meiner Person

Ganz ehrlich! Ich werde mit allem was ich mache auch nicht reich. Als Art Director und Agenturinhaber hatte ich mehr Gehalt als heute. Aber ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen und das ist unbezahlbar.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Popularität in der Branche zwar dazu führt, dass ich workshops in ganz Europa anbieten kann, was zwar total Spass macht, aber nicht wirklich lukrativ ist. Für die Akquise von Businesskunden hilft das aber keineswegs.

Was verdiene ich als Fotograf?

Mein Tagessatz liegt bei CHF 1600.- In der Schweiz völlig normal, ich würde sagen, meiner Erfahrung nach im etwas unteren Durchschnitt. Realistischerweise bin ich etwa 3 – 4 Tage im Monat als Fotograf gebucht, den Rest mache ich mit Workshops (bei denen der Tagessatz deutlich niedriger ist) und ab und an Coachings (die ich pro Tag für 970 anbiete, aber auch Vorbereitung und Nachbetreuung inkludieren). Auch durch meinen Online Shop, der monatlich etwa CHF 1’600 Umsatz macht, aber da gehören noch Marketingkosten, Produktionskosten und meine Zeit als Layouter, Grafiker und Fotograf dazu. Kein lukratives Geschäft, aber eben das was mir Spass macht. Insgesamt arbeite ich eher 7 Tage die Woche, aber nehme mir die Freiheit, auch mal an einem Dienstag Nachmittag an den See zu gehen, wenn das Wetter gut ist und die Arbeit das erlaubt.

Unterm Strich liegt mein monatlicher Umsatz bei etwa 6’000 – 8’000 Schweizer Franken. Abzüglich aller Kosten sind das noch etwa 3’500 bis 4’000 pro Monat, das ich als Gehalt ausbezahlen kann. Zum Vergleich: Ein Angestellter Grafiker verdient hier ca. 6’000 im Monat und gemäss www.Lohnanalyse.ch verdient eine Verkäuferin im Einzelhandel durchschnittlich 4’000 im Monat.

Aber, ich mache nur was mir Spass macht! 🙂